Martin Seeger on Nostr: Neulich stieß ich auf ein Video, bei dem mich die Frage deutlich mehr interessierte ...
Neulich stieß ich auf ein Video, bei dem mich die Frage deutlich mehr interessierte als die Antwort, die es gab:
Merkten die (West-)Römer, dass ihr Imperium fällt?
Wenn man der Frage nachgeht, stößt man zunächst auf das übliche Quellenproblem. Unsere schriftlichen Zeugnisse stammen fast ausschließlich aus der gebildeten Oberschicht. Über das Empfinden der Bevölkerung insgesamt können wir daher nur sehr eingeschränkt etwas sagen.
Nehmen wir einen gallorömischen Grundbesitzer um 470:
Seine Villa steht noch.
Er spricht Latein.
Seine Kinder bekommen eine klassische Bildung.
Der örtliche Bischof ist Gallorömer.
Steuern werden weiterhin eingezogen.
Die Städte existieren weiterhin.
Römisches Recht wird weiterhin benutzt.
Nur die oberste politische Herrschaft hat gewechselt. Statt des Kaisers in Ravenna herrscht in seiner Region nun vielleicht ein westgotischer König.
Für einen solchen Menschen musste das nicht aussehen wie der Untergang einer Zivilisation. Vieles funktionierte weiter.
Aber es gibt Hinweise darauf, dass zumindest in vielen Regionen ein sehr reales Gefühl von Unsicherheit und staatlichem Rückzug vorhanden gewesen sein muss:
wiederholte Plünderungen und lokale Kriege,
steigende oder als ungerecht empfundene Steuerlast,
Landflucht und Aufgabe von Besitz,
zunehmende Abhängigkeit von Großgrundbesitzern,
regionale Aufstände wie die der Bagauden,
Städte und Gemeinden, die ihre Verteidigung zunehmend selbst organisieren mussten,
und Menschen, die in Gebiete unter germanischer Herrschaft wechselten.
Salvian beschreibt ausdrücklich Römer, die zu den Goten oder zu den Bagauden flohen, weil sie ihre Lage dort für besser hielten.
Das ist vielleicht so nah an einem „Volksgefühl“, wie wir mit unseren Quellen kommen.
Und in den erhaltenen Quellen verschiebt sich über mehr als ein Jahrhundert langsam der Ton: von "Das Reich steckt in einer schweren Krise" über "Unsere Welt erlebt eine Katastrophe" bis hin zu "Die alte politische Ordnung verschwindet."
Daher würde ich es am Ende eher so formulieren:
Die Römer erlebten nicht den "Fall Roms". Sie erlebten eine jahrzehntelange Serie von Dingen, die zu funktionieren aufhörten.
Das ist ein Post über die Gegenwart.
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